Predigt: Universitätspfarrerin Maike Gamer.
Das Evangelium für den heutigen Sonntag ist ein Abschnitt
aus dem Johannesevangelium.
Es ist der letzte Abend, den Jesus mit seinen Jüngern verbringt.
Er versucht sie vorzubereiten, auf das was kommt,
sein grauenvolles Ende, seinen Tod,
auf den Neubeginn mit Ostern.
Er versucht sie zu trösten, ihnen Mut und Kraft zuzusprechen.
Und er betet für die Seinen.
Wir hören einen Abschnitt aus diesem Gebet,
Johannes 17, die Verse 9-17:
Ich bitte für sie. Nicht für die Welt bitte ich,
sondern für die, die du mir gegeben hast, denn sie sind dein.
Und alles, was mein ist, das ist dein,
und was dein ist, das ist mein;
und ich bin in ihnen verherrlicht.
Und ich bin nicht mehr in der Welt;
sie aber sind in der Welt, und ich komme zu dir.
Heiliger Vater, erhalte sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast,
dass sie eins seien wie wir.
Solange ich bei ihnen war,
erhielt ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast,
und ich habe sie bewahrt, und keiner von ihnen ist verloren
außer dem Sohn des Verderbens,
damit die Schrift erfüllt werde.
Nun aber komme ich zu dir, und dies rede ich in der Welt,
auf dass meine Freude in ihnen vollkommen sei.
Ich habe ihnen dein Wort gegeben, und die Welt hasst sie;
denn sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin.
Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst,
sondern dass du sie bewahrst vor dem Bösen.
Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin.
Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit.
Wenn ich diesen – zugegeben nicht einfachen - Abschnitt aus
dem Johannesevangelium mit einem Wort zusammenfassen wollte,
dann mit diesem: Fürsorge.
Jesus sorgt sich und zeigt Fürsorge für die Seinen im Gebet.
Es wird deutlich, dass Jesus sich Sorgen macht. Denn er weiß, bald kommt die Zeit, in der die Jüngerinnen und Jünger seine Botschaft weitertragen werden – und dabei dem Widerstand der Welt standhalten müssen.
So kam es. Am Anfang, als die Botschaft von Jesus Christus noch neu war, gab es unglaublich viel Widerstand. Es gab Gewalt, Verfolgung und Tötung von Christus-Anhängern.
So war es im 1. Jahrhundert im damaligen römischen Reich; und so war es in den folgenden Jahrhunderten überall dort, wo sich das Christentum ausbreitete, auch im heutigen Deutschland und im heutigen Schweden. Und immer noch leiden an vielen Orten der Welt Christinnen und Christen unter harter Gewalt, unter Vertreibung, Gefangennahme und Angst vor Hinrichtung.
Es ist schwer zu begreifen, warum das so ist. Warum kann Gott diese Menschen nicht mehr beschützen? Warum können wir Menschen einander nicht in Frieden lassen? Warum gönnen wir Menschen einander nicht, nach der eigenen Auffassung selig zu werden?
Es gibt viele Fragen, auf die wir keine Antwort haben.
Jesus betet: „Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt wegnimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst.“
Ja, diese Welt beinhaltet viel Boshaftigkeit. Wir können nicht vor dieser Welt weglaufen. Wir leben in dieser Welt. Und wir haben eine Verantwortung für diese Welt!
Wir sind ein Teil dieser Welt. Wir können uns nicht distanzieren. Auch wir tragen bei zu dem, was passiert. Zum Bösen und zum Guten.
Die Frage ist nicht nur, wie das Böse uns begegnet, sondern auch wie wir dem Bösen begegnen.
Das Böse – das ist ja ein schillernder Begriff und lässt sich nur schwer zusammenfassen. Es meint im Grunde alles, was uns von Gottes Weg abbringen will. Alles, was uns trennt von der Liebe.
Ja, es ist ein Begriff für das, was spaltet. Für alles, was sich zwischen Gott und den Menschen stellt. Und für das, was Menschen voneinander spaltet. Gewalt und Hass. Alles, was sich der Liebe abwendet. Wo Liebe gehindert wird, da kann das Böse herrschen.
Wenn wir sehen und hören, wie Menschen betroffen sind von der Boshaftigkeit in der Welt, dann können wir dem oft nur mit Anteilnahme begegnen. Wir können Fürsorge zeigen für betroffene Menschen – und wir können für sie beten.
„Bewahre sie vor dem Bösen“, betet Jesus, und wir stimmen mit ein in sein Gebet, das er uns lehrte: „Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“
Ein anderes Gebetswort, das hier mehrfach vorkommt, ist:
„Bewahre sie in deinem Namen!“
Was ist das, der Name Gottes?
Wer ist Gott?
Obwohl niemand je Gott gesehen hat,
machen wir uns Bilder von Gott – oder vielleicht gerade deswegen.
Wenn jemand zu mir sagt: „Ich glaube nicht an Gott!“, dann frage ich:
„An welchen Gott glaubst du nicht?“ Denn wir alle tragen Gottesbilder in uns. Meist schon seit unserer Kindheit. Unser Gottesbild wird geprägt durch das, was wir hören und erleben. Es kann sich auch verändern.
Die Bibel erzählt in vielen verschiedenen Bildern, wer Gott ist und wie er ist.
Gott wird Hirte genannt! Er ist der, der uns versorgt und beschützt.
Gott wird Vater genannt und der, der uns wie eine Mutter tröstet.
Das sind liebevolle Bilder, fürsorglich.
Gott ist der Fels, der auf den wir uns verlassen können.
Gott ist die Quelle allen Lebens und alles Guten. Aus dieser Quelle schöpfen wir neue Kraft.
Und es heißt auch, besonders bei Johannes:
Gott ist die Liebe! Ein Gott der Fürsorge und Barmherzigkeit.
Was aber ist der Name Gottes?
Auch davon wird erzählt, ihr kennt die Erzählung vielleicht.
Es war in der Wüste, Mose, damals Schafhirte, sieht eine seltsame Erscheinung, ein Dornenbusch, der brennt, lichterloh, dabei aber nicht verbrennt.
Dort an diesem Ort offenbart sich Gott und spricht zu ihm.
Mose erhält den Auftrag, das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten zu befreien. Aber Mose fragt: Wer bist du, der dieses sagst? Was ist dein Name? Kann ich mich auf dich verlassen?
Und Gott antwortet: Ich bin Jahwe.
Ich bin der ich bin. Ich bin der, als der ich mich erweisen werde.
Wir könnten aber auch übersetzen:
Ich bin da. Ich bin bei dir.
Das ist Gottes Name.
Das Bild von Gott als Hirten drückt genau das aus. Besonders deutlich wird das im Psalm 23, den vielleicht manche unter uns noch auswendig kennen. (Wir werden gleich nach der Predigt den Psalm 23 vom Chor hören.)
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln!“
Gott sorgt für die Seinen, fürsorglich, er behütet und leitet zum frischen Wasser.
Wenn wir es im Urtext hören und verstehen würden, dann würde uns bei genauem Hinsehen auffallen:
Psalm 23 ist ein Lied über den Namen Jahwe.
Die Buchstaben des hebräischen Alphabets symbolisieren auch Zahlen. Jahwe entspricht der Zahl 26.
Genau in der Mitte des Psalms steht der zentrale Satz:
DU BIST BEI MIR. Davor stehen 26 Wörter.
Und danach folgen 26 Wörter.
Von jeweils 26 Wörtern umrahmt leuchtet dieser eine Satz auf,
der den Namen Gottes auf den Punkt beschreibt:
Du bist bei mir.
Das ist Gottes Name. Jahwe.
In allen Lebenssituationen – im Lebensglück auf der saftigen Weide und im gefürchteten dunklen Tal - ist Gott da. Darauf können wir uns verlassen. Denn das ist sein Name.
In der Bibel wird Gott auch als König bezeichnet.
König - da stellen wir uns schnell einen mächtigen Herrscher vor. Einen solchen, wie die Geschichte zahlreich hervorgebracht hat: Stark, einflussreich, machtbesessen, im Zweifelsfall gewalttätig. Einer, der hoch oben thront, erhaben über alle anderen.
Und so stellen sich viele Gott vor. Als einem, der weit weg ist und dem es völlig egal ist, wie es den Menschen geht.
Nichts könnte mehr falsch sein.
Jesaja zeichnet das Bild von einem Gott, der aus der Höhe herabkommt:
Es heißt:
Als Heiliger wohne ich in der Höhe,
ich bin aber auch bei den Verzagten und Erniedrigten.
Ich stärke den Lebensgeist der Erniedrigten
und gebe den Verzagten neuen Mut.
Dieses Bild unterstreicht all die anderen Gottesbilder:
Dieser Gott zeigt Fürsorge. Er ist ein König, der bei den Erniedrigten ist.
Dieser Gott wendet sich gerade denen zu, die missmutig sind.
Denen, die leiden.
Von diesem Gottesbild erzählt Jesus. Ja, Jesus selbst verkörpert genau diesen Gott, der sich fürsorglich zeigt, der herabkommt, der den Menschen nahe sein will und ganz besonders denen in Bedrängnis und Not.
Wenn Jesus betet:
„Bewahre sie in deinem Namen!“
Dann betet er: Bewahre sie bei dir, dass sie glauben können: Du bist da. Trotz dem Schweren, was sie erleben und erleben werden.
Bewahre sie in deinem Namen!
Diese Fürsorge und diesen Zuspruch brauchen die Christinnen und Christen, die unter Verfolgung leiden.
Und wir wissen alle: Auch Lebenskrisen wie Todesfälle im nahen Umfeld, Krankheiten und Unfälle können eine extreme Anfechtung sein. Manche fallen dadurch vom Glauben ab, sie verlieren ihren Halt mit den schlimmen Erfahrungen, sie entfernen sich von Gott.
Aber auch das Gegenteil gibt es: Dass Menschen durch die Lebenskrise hindurch neu zu Gott finden, weil sie in allem Gottes Nähe spüren. Durch den erlebten Widerstand, durch die Krise hindurch wachsen sie im Glauben In Gottes Nähe und Fürsorge finden sie Trost und Kraft.
„Bewahre sie in deinem Namen“, betet Jesus. Und er meint damit auch uns. Damit wir, die wir in Anfechtung geraten, mit Gott verbunden bleiben durch das Schwere hindurch.
Aber eine Frage bleibt noch offen.
Wenn Jesus betet für die Seinen – dürfen wir uns da eingeschlossen fühlen? Wer sind denn die Seinen? Ist das nur der engste Kreis? Sind das nur die fest Glaubenden?
Es klingt hier fast so. Es klingt hier so, als wäre „die Seinen“ abgehoben von der Welt, in einer besonderen Sphäre, eben besonders gläubig, nicht von dieser Welt.
Aber so kann es nicht gemeint sein. Auch die Jünger haben nicht immer ganz fest geglaubt. Man muss nur weiter lesen in den folgenden Kapiteln. Davon habe ich am Sonntag nach Ostern erzählt. Auch die Jünger hatten zuweilen starke Zweifel.
Nein, die Jünger sind nicht abgehoben von der Welt, und auch wir als Christinnen und Christen sind es nicht.
Eins ist klar: Jesus ist nicht in diese Welt gekommen, um zu trennen und separieren. Er ist gekommen, um zu verbinden. Die Aufteilung in ein Wir hier drinnen und ein Die da draußen ist kaum das, was Jesus gewollt hat.
Die Evangelien sprechen eine andere Sprache. Wir sehen da, wie Jesus den Menschen begegnet – vorbehaltlos.
Jesus sagt von sich: Ich bin das Licht der Welt!
Er sagt nicht: Ich bin das Licht für eine kleine Schar der Auserwählten.
Gottes Liebe gilt allen, den Gefundenen und den Verlorenen,
ja, ganz besonders den Verlorenen.
Gottes Herz größer ist und weiter und liebender, als wir es uns auch nur ansatzweise vorstellen können.
„Bewahre sie vor dem Bösen“, betet Jesus. „Bewahre sie in deinem Namen“.
Wenn wir bei diesem Gott bleiben, dann sind wir gut aufgehoben.
Denn Gott ist bei den Mutlosen und Verzagten. Amen.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.